Belt & Carrier

Oder: Wie man sich das Leben als Bass Drummer etwas angenehmer gestalten kann.


Eine Trommel muss getragen werden, wenn man sie spielen will: Daran führt kein Weg vorbei. Es gibt verschiedene Tragesysteme, die mehr oder weniger sinnvoll und angenehm in der Anwendung sind. Den einfachen Nackenriemen halte ich persönlich für die unangenehmste Form, aber es gibt Drummer, die glücklich damit sind. Der Crossbelt, zwei im Rücken über Kreuz getragene Riemen, die vorne an der Trommel eingeklinkt werden, ist da schon ein deutlicher Fortschritt.

Von verschiedenen Firmen werden Carrier-Systeme angeboten, die gegenüber dem Crossbelt den Vorteil bieten, die Kontaktfläche zwischen Träger und Trommel maximal zu reduzieren. Dies führt dazu, dass der Kessel frei schwingen kann, die durch den großflächigen Körperkontakt beim Crossbelt auftretende Dämpfung des Klanges also wegfällt. Sehr ausgereift ist das Produkt der Firma PEARL: Auflagefläche und Polsterung im Schulterbereich sorgen für relativ angenehmes Tragen, die Trommel liegt sicher und fest auf zwei gepolsterten Haken, die sich so einstellen lassen, dass sie sich wirklich gut an die Trommel schmiegen und so für eine gute Führung sorgen.

Das Konkurrenzprodukt der Firma PREMIER legt hingegen den Verdacht nahe, dass der Konstrukteur weder Ahnung von Anatomie noch von der Hebelwirkung einer Bass Drum oder dem Verhalten einer Trommel hat, wenn sie gespielt wird: Zwei Klauen graben sich gnadenlos in die Schultern und verwandeln auch den gutmütigsten Pazifisten in kurzer Zeit in ein vor Schmerz schnaubendes Raubtier. Die Trommel hängt an zwei Karabinerhaken und liegt auf einem gummigepolsterten T-Blech locker auf. Diese Konstruktion zwingt den Drummer zu einem ständigen Balanceakt: Das Trommeln wird zum Eierlauf, weil die Drum ständig ausbrechen will. Klar, das ich ausgerechnet diesen Carrier kaufen musste: Den Pearl-Carrier lernte ich leider erst kennen, als das Kind schon in den Brunnen gefallen war.

Was ich aber den Konstrukteuren aller Carrier, aller Crossbelts und aller Nackenschlingen vorwerfe ist die Tatsache, dass die Last der Trommel auf die Schultern des Drummers gelegt wird und so eine völlig unnötige und ungesunde Belastung der Wirbelsäule resultiert. Seit einem kleinen Unfall vor knapp drei Jahren bin ich äußerst empfindlich mit meiner rechten Schulter. Diese Tatsache zwang mich dazu, mich nach einer Entlastung der Schulter umzusehen. Fündig wurde ich im Holbaek Ressource Centre: Hier fand ich einen Carrier Tip von George Denyer: Er hatte seinen Carrier über Karabinerhaken an seinem Gürtel befestigt und so das Gewicht von den Schultern auf die Hüfte verlagert. Begeistert griff ich diesen Vorschlag auf, leider scheint aber der liebe George nicht so ein dünner Hering zu sein wie ich: Ich scheuerte mir beim ersten Auftritt die Hüften wund. Aber die Idee ließ mich nicht los, schließlich hatte ich ja die Entlastung gespürt. 

Bei der Massed Band anlässlich der Eröffnung des "Pipers Corner" in Koblenz lief neben mir Maik Reckziegel von den Frankfurter Clan Pipers. Er trug seine Tenor an einem Gewichthebergürtel. Bingo! Das sollte meine Probleme lösen. Nach langer Vorrede nun also endlich mein Tipp in Richtung unbeschwertes Trommeln, eine Problemlösung, mit der ich heute glücklich bin.


Im Kaufhaus habe ich zunächst einmal in der Sportabteilung einen breiten, gut gepolsterten Gewichthebergurt gekauft. Kostenpunkt ca. 25,-€.

Der Sattler nähte mir seitlich zwei Schnappverschlüsse an, wie er sie z.B. an Pferdedecken benutzt. Pferde wälzen sich mit den Decken, die Verschlüsse müssen also schon etwas aushalten. Aber sie kommen auch an Rucksäcken oder beim Drachenfliegen zur Anwendung...

Mittig oben ist ein breites Bundgummi festgenäht, doch dazu später.

An die Bauchplatte des Carriers schraubte ich dann Gurte mit den Gegenstücken zu diesen Schnappverschlüssen an.

Man beachte die beiden Karabinerhaken, die mittels eines Dichtungsringes (100er Rollring für HT-Rohre) am T-Blech befestigt sind. Ihre Funktion wird weiter unten erklärt.

Schultere ich nun die Drum, dann verbinde ich über die Schnappverschlüsse Carrier und Gürtel.
Straffen der Gurte führt nun dazu, dass das komplette Gewicht der Drum auf meinen Hüften liegt, der Rücken trägt keine Last mehr.
Hier kann man sehr schön sehen, dass die Schultern komplett entlastet sind. Dieser Teil des Carriers dient nur noch der Balance der Trommel, Schultern und Arme können das tun, was sie eigentlich sollen: Trommeln!
Hier die von mir nachträglich eingebaute Aluminiumplatte, die den Druck der beiden "Klauen" nun großflächig und durch dickes Moosgummi gut gepolstert auf dem Rücken verteilt. Diese Idee hätte - wie ich - der Premier-Konstrukteur bei Pearl klauen können.
Und hier wird die Funktion des Bundgummis erkennbar: Es hält den Reserve-Beater mittig auf dem Rücken. In dieser Position ist der Beater von beiden Seiten gleichermaßen gut zu erreichen. 
Seien wir ehrlich: Beim Verlust eines Beaters hat man keine Chance, ihn wiederzubekommen. Unter dem Jacket ist er gut getarnt und steht im Bedarfsfall blitzschnell zur Verfügung.
Für Ostern habe ich übrigens die Ausnahmegenehmigung erhalten, den Beater auf Kopf tragen zu dürfen: Bunny MacBumm... ;-)
Kommen wir nun zu den Karabinerhaken. Ich habe sie durch einen soliden Haken in zentraler Position ersetzt. Hier wackelt und scheppert nichts mehr. Gleichzeitig ermöglicht mir dieser Haken, ein wichtiges Grundprinzip anzuwenden: Hart auf weich!
Ich habe einen schmalen Streifen Dichtungsgummi (ein Rest vom Drum Pad Bau) zugeschnitten und passend gelocht. Auf den Haken aufgezogen sorgt dieses Gummi für Polsterung zwischen Haken und Trommel.

 

Reibung und Scheppern werden so zuverlässig ausgeschlossen. 

Diese Konstruktion ist gerade bei der Andante zu empfehlen, die ja über ein sehr scharfkantiges Blech zur Aufnahme der Haken verfügt. Eine interessante Alternative bei anderen Trommeln stellt das PIB®-Universalband dar. PIB steht für Polyisobutylen. Dieses Material hat die Eigenschaft, sich selbst zu verschweißen, man bekommt also eine solide, gummiartige Beschichtung des Hakens.

Wenden wir uns nun den Karabinerhaken an der Bauchplatte zu. Sie nehmen zwei Dichtungsringe auf, mit denen ich die Trommel angeschlungen habe. Man beachte wieder, dass Hart und Weich sich abwechseln. Das Resultat ist eine elastische Verspannung der Drum auf dem Carrier, die Drum wird zuverlässig in Position gehalten.
Und so sieht das Endresultat aus: Die Manipulationen sind nicht auf den ersten Blick zu erkennen, Gurt und Reserve-Beater verschwinden unter dem Jacket.
Seitdem ich diese Hilfskonstruktion benutze bewege ich mich ziemlich frei beim Trommeln. Zurückblickend kann ich aber gut verstehen, warum viele meiner Kollegen beim Trommeln relativ steif und still stehen: Ich kann mich nur zu gut an meinen eigenen Eiertanz erinnern...

Wer Schluss machen möchte mit Rücken- und Schulterschmerzen und - last but not least - dem unnötigem Balancieren, dem sei der Nach- bzw. Umbau von Belt und Carrier ans Herz gelegt.

Viel Spaß und viel Erfolg!